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Killesberghöhe Magazin

D er Tag beginnt am Vorabend und im Wortsinne ganz spielerisch. Denn heute ist Spieleabend. Punkt 19 Uhr treffen sich zwölf Bewohner an drei Tischen in einem kleinen Gesellschaftsraum. Spielleiter ist der pro- fessionelle Spieleerfinder Wolfgang Kramer, unterstützt von seiner Frau Ursula, beide Augustinum-Bewohner. Kramer hat mehr als 200 Spiele mit einer Gesamtauflage von zehn Millionen Exemplaren erfunden. Heute Abend versucht er, mit Camel up Kamele zum Rennen und per Qwixx Köpfchen zum Kombinieren zu bringen. Würfel klackern, Stimmen plät- schern, Perlenketten klimpern, und im Nu ist eine Stunde vorbei. 87 Jahre sind bei der sympathischen, stilvoll geklei- deten und intelligent parlierenden Mitspielerin bereits vorbei, viereinhalb davon im Augustinum. Im Alter alt wirken? Muss nicht sein, wie man sieht. Und man sieht sich morgen wieder. Gute Nacht allerseits! Lange Gänge, leise Aufzüge, ein frem- des Bett und in 12 Stunden ein neuer Tag. Nach und nach gehen hinter den vielen Fenstern der vier Gebäude die Lichter aus. Wer schläft, sündigt nicht? Mal se- hen. Stunden später: „Yesterday, all my troubles …“, klagen die Beatles, „I can get no …“, fallen die Stones ein, „Junge, komm bald wieder …“, sagt Freddy Quinn, abgelöst von Heint- je, der „Mamaa“ ruft und „Ich bau dir ein Schloss“ verspricht. Rollatoren wirbeln durch die Luft, Gehstöcke rocken, die Dritten erleben ihren vierten Frühling. Und der Besucher wacht auf; in einem von fünf geschmackvoll möblierten Gäste- zimmern. Alles nur ein Traum! Zwar kam das Ehepaar X spät von einer Weinprobe, Herr Y rauchte hüstelnd auf dem Balkon und Frau Z schnarchte ein wenig, wie man sich anderntags erzählt. Aber keiner hat’s gehört. Es war wie fast jede Nacht stille Nacht im Augustinum. „Guten Morgen!“, klingt es jetzt um 8.45 Uhr von mehre- ren Seiten des hellen, modern eingerichteten Restaurants mit seinen 150 Plätzen. Begleitet von Frau Menz-Ruf, Leiterin des Bewohnerservices, nimmt der Besucher Platz am sorgfältig gedeckten Tisch. Hier zwei Ehepaare in trauter Zweisamkeit, da und dort einzelne Damen, stadtfein oder leger. Und auf dem Tisch eine Frühstückskarte, die in einem sehr guten Hotel nicht besser wäre: Zwischen Metzgerschinken und Orangensaft, Rührei, Rauchlachs oder Rostbratwürstchen gibt es fast nichts, was es am Büffet oder per Bestellung nicht gäbe. Dazu sagt die kleine Karte genau, was woher kommt. Ganz schnell kommt die Serviererin und kurz danach der bestellte Kaffee. Das fängt ja gut an! Und geht ebenso weiter. Vorbei an der 180 Meter langen Halle mit ihren einladen- den ledernen Sitzgruppen, an Restaurant, Bar und Weinstube, begibt sich der Besucher auf einen Spazier- und Entdeckungs- gang durchs Haus. Von der Lobby, dem Laufsteg des späten Lebens, zu den einzelnen Lebensbereichen, die jeder Augus- tinum-Bewohner nutzen kann. Das „kann“ ist entscheidend, denn hier muss keiner, wenn er nicht will. Will er oder sie aber, kann er – zum Beispiel in der Weinstube als älterer Jahrgang den jüngsten probieren, in der Leseecke zwischen Amtsblatt und ZEIT diese vergehen lassen, in der Bibliothek schmökern oder noch mehr Spiele von Wolfgang Kramer entdecken, im Musikzimmer dem Flügel solche verleihen, an den Geräten des Fitnessraums das Frühstück ausgleichen, in der Sauna schwitzen oder im geheizten Indoor-Pool sicher sein, bei 1,33 Metern Wassertiefe oben zu bleiben. Jetzt könnte man noch in den hauseigenen Friseursalon gehen, in der Mini-Filiale der Deutschen Bank Geld abheben und es im kleinen, liebevoll ausgestatteten Supermarkt nebenan wieder ausgeben. Oder in der Kapelle ein stilles Gebet sprechen, dass der ambulante Pflegedienst möglichst nicht so bald benötigt wird. Stattdessen geht der Besucher vorbei an weißen Wänden mit bunter mo- derner Kunst und setzt sich still vergnügt über so viel Komfort in einen der bequemen Sessel in der Lobby. In der Atmosphäre zwischen Grandhotel und Piazza geht das Leben munter vorbei – eiligen oder gemächlichen Schrit- tes, an Gehstöcken, mit Rollator oder Rollstuhl. Was man hört, ist Herzlichkeit: „Wenn man angestrahlt wird, strahlt man zurück“, so eine Bewohnerin. Aber neben Taxifahrern und Besuchern, Lieferanten und Handwerkern, Pflegerinnen und Servicemitarbeitern treffen sich hier auch Wartezimmerge- schichten. Über Gesundheit, Krankheit und große Probleme wie den verschwundenen Appartementschlüssel einer alten Dame. Ein junger blonder Augustinum-Engel hilft ihr, und nicht nur draußen scheint an diesem grauen Tag wieder die Sonne. Selbst bei leichten Irritationen: „Heute ist nicht Sonn- tag, heute ist Mittwoch!“, hört der Besucher die Mitarbeiterin am Empfang ins Telefon sprechen. Ist doch schön, wenn für einen der Bewohner, die alle mit Namen begrüßt werden, mittwochs Sonntag ist. Jetzt ist es auf jeden Fall 13 Uhr und der Besucher nimmt erneut Platz im Restaurant. Da warten Herr Jäger, der Restaurantleiter, zahlreiche Servicekräfte und eine gedruckte Menükarte mit drei Tagesgerichten, Suppe, Dessert und Salat vom Büffet. Oder lieber à la carte Lamm- rücken, Kalbsleber, Gnocchi und hinterher Kaiserschmarrn? Und welchen Wein dazu? Sie blicken nicht durch? Nehmen Sie doch die kleine Leselupe, die an jeder Karte hängt. Und nie sollst du vergessen sein, aber das ist schon wieder Abend- programm – eine Buchvorstellung mit dem Krimiautor Jörg Böhm um 19 Uhr. Man darf gespannt sein … Und er macht es spannend für die Gruppe der Krimifans, die ihm im Theatersaal erst gebannt lauscht und ihn nach mehr als einer Stunde wissbegierig befragt. Über seine Ro- manfiguren Charlotte, Emma und die anderen Opfer, Täter, Zeugen aus Nöggenschwiel, dem mörderischen Rosendorf im Schwarzwald. Rosen erhielt auch der Autor. Und Rosen ge- bühren allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dem Be- sucher diesen Tag so aufschlussreich wie angenehm machten. „Noi, zum Krimiabend gang i net, i hen scho so Angschd grad g’nug!“, sagt eine alte Dame an der Rezeption. Womit sie ganz sicher nicht das Augustinum am Killesberg meint. Denn hier kann man sich wahrlich wohlfühlen, auch wenn man sich noch ziemlich jung fühlt. 29REPORTAGE

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