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Killesberghöhe Magazin

Z uerst landen sie, egal woher, in Karlsruhe, dann in Stuttgart. Zum Beispiel in der Tunzhoferstraße 20. Hier in den ehema- ligen Räumen der Psychiatrie des Bürgerhospitals leben inzwischen mehr als 200 Menschen aus 24 Ländern. Leben? Im wörtlichen Sinne ja, nach unserem Verständnis kaum. Und dennoch sind sie in Sicherheit, haben einen Platz zum Schlafen, müssen nicht hungern. Die Caritas versorgt und betreut sie. Doch die Caritas kann Eltern, Freunde, Heimat nicht ersetzen. Eine, die all das vermisst, ist Nehal, 15, die mit ihrer Schwester Zohra, 25, hierher kam. Ihre Ge- schichte soll hier erzählt werden. Die Geschichte eines Lebens, das viele Deutsche vor fast 70 Jahren erlebt und nicht alle überlebt haben. Sie haben Töchter im Teenageralter? Sie sind gefährdet, schicken Sie sie weg. Erst nach Teheran, dann nach Kabul. Das sind nur rund 5000 Kilometer Luftlinie von Stuttgart. In der Hauptstadt Afghanistans mit ihren 3,3 Millionen Einwohnern spricht man Farsi, Religion ist der Islam … dort sind Ihre Töchter jetzt. Unmöglich? Stimmt! Und doch umgekehrt traurige Wahrheit. Für Nehal, die 13, und ihre Schwester Zohra, die damals 22 war. Damals, das war an einem Tag im März 2012. Nehal war in der 8. Klasse, hatte Schulfreundinnen, lebte behütet wie viele Kinder ihres Alters und Kulturkreises. Und sie war glücklich, bis auf die letzten Monate in ihrer Heimat, als ihre ältere Schwester in Kabul bedrohliche Probleme bekam, über die Nehal nicht sprechen möchte. Bis dahin war Nehals Kosmos klein und friedlich. Ohne SMS, WWW etc., allerdings auch ohne Fremdspachen- und andere Kenntnisse der Welt jenseits Kabuls. Bis zu diesem Tag im März 2012, als ihre Eltern beschlossen, Nehal und Zohra auf eine lange Reise zu schi- cken. Mit Pass und Geld, vielleicht aber ohne Wiederkehr und ohne Wiedersehen. Denn das letzte hastige Telefongespräch mit ihren Eltern ist jetzt zwei Jahre her. Seitdem hat sie nichts mehr von ihnen gehört. Im Kabul International Airport steigen sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, in den großen silbernen Vogel. Mit der Angst, nie zu- rückzukommen und der Ungewissheit, nirgendwo anzukommen. Sie kommen an, nach endlos scheinenden Stunden und 5357 Kilometern – in Amsterdam. Die Hauptstadt der Niederlande empfängt sie kühl, in jeder Hinsicht. Ein Jahr lang werden die ungebetenen Gäste in Holland durch vier Unterkünfte von Heim zu Heim geschleust. Nie wussten sie, wann wieder die Polizei kommt und sie auffordert, das Land schnellstens zu verlassen. Sie geben ihre Pässe und Geld einem fremden Kontaktmann ihrer Heimat. Der setzt sie ins Flugzeug nach Frankfurt am Main. Von hier schickt sie ein weiterer Landsmann mit Bahntickets nach Karlsruhe. Sie wussten nichts über die Niederlande, nichts über Deutschland, nichts über Karlsruhe. Und landeten irgend- wann in Stuttgart: ein kleines Mädchen und seine „große“, seelisch fast noch kleinere, inzwischen psychisch kranke Schwester. Demnächst wird Nehal 16, kann sich gut auf Deutsch verstän- digen und ab 2015 eine reguläre Schule besuchen. Wenn … sie und ihre Schwester weiterhin amtlich „geduldet“ werden. Es gefällt Nehal gut in Stuttgart. Und eine, die leichteste, Prüfung hat sie hier schon bestanden: Spätzle mit Soße essen. Die schwierigere Hürde für sie und ihre Schwester ist sicher der Antrag auf Asyl. Das kostet Geduld. Und Geld, das beide aus eigenen Mitteln und Spenden in Raten an einen Anwalt zahlen. Um irgendwann nicht nur geduldet, sondern amtlich willkommen zu sein. Viel Glück, liebe Nehal und Zohra. Und danke an Yvonne Rixecker und Regine Knapp von der Caritas Stutt- gart, die das Gespräch und diese Geschichte ermöglichten. ZERSCHOSSENE HÄUSER, VERWÜSTETE STRASSEN, WEINENDE FRAUEN, BLUTENDE KINDER … BILDER, DIE WIR FAST TÄGLICH IN DEN TV-NACHRICHTEN SEHEN. BILDER AUS LIBYEN, PALÄSTINA, LIBANON, SYRIEN, IRAK, AFGHANISTAN UND ANDEREN KRISENREGIONEN. MENSCHEN IN FUSSKO- LONNEN, AUF ÜBERFÜLLTEN LKW, WRACKÄHNLICHEN BOOTEN, IN PROVISORISCHEN ZELTSTÄDTEN. MENSCHEN AUF DER FLUCHT VOR VERFOLGUNG, FOLTER, TOD. IMMER MEHR DIESER MENSCHEN KOMMEN AUCH BEI UNS IN BADEN-WÜRTTEMBERG AN. NICHT, WEIL ES HIER SO SCHÖN IST, NICHT, WEIL ES UNS SO GUT GEHT. NUR, WEIL GEWALT UND ANGST SIE HIERHER GETRIEBEN HABEN. 47REPORTAGE

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